March 19, 2022

Stecky und Tante Puttchen

Es war an einem Samstag, als ich der Kneipe Tante Puttchen und Stecky einen Besuch abstattete. Es war ein sonniger Tag und ich spürte sofort die Energie, die die Sonne mitbrachte. Die Menschen erfreuten sich an dem anbrechenden Frühlingstag, saßen draußen, waren fröhlich, tranken und lachten. Irgendwie berührte mich dieses Bild. Es berührt mich, die Menschen glücklich und fröhlich zu sehen, denn ich weiß auch, dass es Menschen gibt, die das gerade nicht sein können. Und damit meine ich nicht nur den Krieg. Aber das ist ein anderes Thema.

Ich fragte Stecky vorher, wie genau ich diesen Blog oder Artikel schreiben soll. Diese Frage stelle ich jedem PartnerIn, bei dem wir zukünftig mit unserem Projekt Futter Teresa ein Zuhause auf Zeit finden dürfen. Soll ich ein Interview machen oder was für Ideen schwebt dir so im Kopf? Die Idee mit dem Interview wurde relativ schnell abgelehnt. Zumal ich Interview als Format irgendwie langweilig finde.

Das fühlt sich wie ein Kreuzverhör an, und vor allem, weil Stecky nicht so gerne im Mittelpunkt steht. Das ist auf einer Art sehr lustig, denn Stecky steht bei Tante Puttchen ganz klar im Mittelpunkt. Er stand den ganzen Abend allein hinter der Theke und bewirtete seine Gäste. Alle, die was wollen, müssen zu ihm. Aber das ist noch amüsanter, weil Stecky auf seine Art trotzdem nicht so auffällt und nicht so wirklich im Mittelpunkt steht.

Ich nahm direkt neben der Theke Platz, besprach einige Dinge und Abläufe für die Wiedereröffnung mit ihm, schaute ihm bei seiner Arbeit zu und ließ die Atmosphäre auf mich wirken. Ich kannte Tante Puttchen vorher gar nicht und es ist auch nicht so der Ort, den ich hochgradig priorisieren würde. Tante Puttchen hat eine richtige Kneipenatmosphäre und ich hatte noch nie richtig Kontakt mit der Kneipenszene gehabt. Ich wurde auch etwas von der Gastro-Szene, in der ich arbeitete, „versaut“, immer auf Perfektion zu schauen und zog früher eher andere Orte vor. Meine Faustregel war es, dass dort, wo ich meine Schwiegereltern zum ersten Kennenlernen ausführen würde, für mich eine gute Gastronomie war. Aber meine Gedanken darum, was eine gute Gastronomie ist, wandelte sich in letzter Zeit sehr stark.

Von Stecky erfuhr ich, dass er mal Chemikant war, aber ich zitiere „…wie jeder Junge, war es auch für mich der Traum eine eigene Bar zu haben“. Mit etwas Unterstützung von Freunden und Familie übernahm er das Tante Puttchen von „Achim“ und ist seitdem der stolze Besitzer. Und was Tante Puttchen auch für eine Historie mit sich bringt! Seit 1936 gibt es das Tante Puttchen schon im Handelsweg. Ursprünglich war der Laden eine der ersten Eisdielen in Braunschweig und hat ihren Namen der damaligen Besitzerin zu verdanken. Während des zweiten Weltkrieges wurde die Eisdiele zerstört und nach dem Kriegsende wieder aufgebaut. Aus der Eisdiele wurde dann eine Kneipe. Besonders lang hat „Achim“ den Laden betrieben, ganze 34 Jahre. Da „Achim“ nicht mehr so fit war, übergab er den Laden an Stecky weiter.

Stecky ist für mich ein besonderer Gastronom. Ich bewundere ihn und seine Art, wie er Tante Puttchen betreibt. Und auch, wenn ich ihn nicht kannte, sah ich Tante Puttchen und bekam einen Einblick, wer Marc Andre Steckhan (Stecky) ist. Tante Puttchen ist kein Ort, an dem man vorbeikommt, um ein Selfie von sich und seinem Getränk für Instagram zu machen. Sondern es ist ein Ort, wo alle Menschen hingehen können, um wahre Begegnungen zu erfahren. Um Menschen unmittelbar ohne Filter zu erleben. So passend war es, als Stecky mir sagte, dass er keine Ahnung von der (heutigen) Gastro hat. Er versucht „den ganzen Gastroscheiß hieraus zu halten“, von Social-Media hätte er keine Ahnung. Zwar hat Tante Puttchen eine Instagram und Facebook-Seite, aber man sieht, dass die Seiten schon länger nicht mehr aktiv waren. Auch wenn Stecky immer wieder betont, dass er da keine Ahnung hat, hörte er sofort als oben das Glas kaputt ging. Das hatte ich mit meinen „erfahrenen Gastro-Ohren“ nicht gehört. Er sagte mir, dass er es natürlich gehört hat. Er wisse doch, wie sich ein kaputtes Glas bei ihm in Laden anhört. Das hat mich sehr beeindruckt. Ich glaube, das, was Stecky meinte, ist nicht wirklich, dass er keine Ahnung von Gastro hat, sondern eher, dass er eine andere Gastronomie betreibt. Ein Gedanke der Gastronomie, die ich beneide, weil sie so … real und nahbar ist.

Ich saß eine Stunde im Tante Puttchen und ließ die Atmosphäre auf mich wirken. Direkt schräg gegenüber der Theke saß Emil, ein Gast und ein guter Freund von Stecky. Wir unterhielten uns über das Tante Puttchen und über Futter Teresa. Das war ein großartiges Gespräch und Emil gab mir gleich direkt einige Tipps für Futter Teresa mit und schlug mir direkt einige potenzielle Kooperationspartnerschaften vor. Das war eine Herzlichkeit, die mich sehr berührte. "Im Tante Puttchen ist es immer anders, jeden Tag zu jedem anderen Zeit kommen andere Menschen vorbei. Es ist jedes Mal eine andere Atmosphäre." Ich hörte ein weiteres Gespräch von Stecky mit einem Gast. Sie unterhielten sich über die Corona-Pandemie und darüber, was Steckys Pläne und Ziele für den Laden sind. Seine klare und deutliche Antwort: „Keine Ahnung! Ob ich in 20 Jahren in diesem Tempo arbeiten kann oder mit mehr Angestellten arbeiten will? Ist halt ein Gefühl!“ Ein Gefühl, auf das er sich verlassen wird, wenn es so weit ist. Und das beneide ich am meisten an Stecky. In den Tag hineinzuleben, anstatt sich andauernd Gedanken und Sorgen über die Zukunft zu machen. Einfach mal den Tag zu genießen, egal wohin es führt. Zu keinem Zeitpunkt zweifelte Stecky daran, dass sein Weg mit Tante Puttchen nicht klappen würde. An dem Abend fragte ich mich einige Male diese Frage: „Phong, was ist das Schlimmste, was passieren kann, wenn du deinen Träumen einfach nachgehst?“ Dass der Plan nicht klappt und ich nicht genug Geld für einen Urlaub im Jahr haben? Niemals ein Haus zu besitzen? Schulden? Aber es geht mir auch diese Frage durch den Kopf: „Phong, was ist aber, wenn du deinen Traum nicht nur träumst, sondern wirklich leben könntest?“ Dann könnte ich auch hier stehen und mich nur noch von meinem Gefühl leiten lassen. Einfach von Tag zu Tag leben und diese Momente genießen. Die pure Glückseligkeit.

Präsent bedeutet auf Deutsch sowohl Gegenwart als auch Geschenk. Denn die Gegenwart ist ein Geschenk. Im Hier und Jetzt zu verweilen, sich an den Dingen zu erfreuen, egal wie klein und unwichtig sie scheinen mögen, sich seinen Gefühlen hinzugeben und sich trauen, seinen Traum zu verwirklichen. Dieses Gefühl hatte ich in der ganzen Stunde, die ich im Tante Puttchen verbringen durfte. Ich bin unglaublich froh darüber, dieses Erlebnis gelebt zu haben und freue mich darauf, euch dieses Gefühl am 20.03.2022 im Tante Puttchen zeigen zu dürfen!

Geschrieben von: Hai Phong Briese, korrigiert von: Erik Lehmann